Authentische Kommunikation
Selbstbestimmung, Wertschätzung und Konfliktfähigkeit in der sozialen Interaktion
In der Kommunikationswissenschaft wird die authentische Kommunikation als eine zwischenmenschliche Gesprächsform definiert, in der die kommunizierten Gedanken, Gefühle und Werthaltungen allein aus sich selbst heraus stammen, ohne sich in der sozialen Interaktion durch äußere Einflüsse und Gruppenzwänge bestimmen zu lassen.
Ähnlich wie beim Handlungskonzept der gewaltfreien Kommunikation werden in der authentischen Kommunikation keine Argumentationstechniken und manipulativen Methoden angewendet, weil es nicht als zielführend gesehen wird, Gesprächspartner und Zuhörer von Aussagen überzeugen zu müssen oder ein Gegenüber zu einer bestimmten Handlung zu bewegen. Vielmehr ist das Ziel, eine wertschätzende Beziehung zu entwickeln, die von Kooperationsfähigkeit, gemeinsamer Kreativität und friedlicher Konfliktlösung geprägt ist.
Allerdings treffen wir immer wieder auf Menschen, deren soziale Funktionsfähigkeit dauerhaft durch eine schwere Persönlichkeitsstörung oder vorübergehend durch einen psychischen Ausnahmezustand (Lebenskrise, Traumatisierung, etc.) beeinträchtigt ist.
Deshalb ist es hilfreich und nützlich, das Handlungskonzept der authentischen Kommunikaton mit präventiven Deeskalationsstrategien, vertrauensbildende Maßnahmen und relevanten Kenntnissen der Psychologie und Psychopathologie zu erweitern bzw. kombinieren. Präventiv-deeskalierende Kommunikation
Das Handlungskonzept der authentischen Kommunikation
Freiheit und Selbstbestimmung
Authentizität steht in direkter Beziehung zu einem selbstbestimmten Leben, das von Selbstverantwortung, Selbstfürsorge, Entfaltung der eigenen Potentiale und konstruktivem, verantwortungsbewussten Einbringen in die Gesellschaft geprägt ist.
Bezüglich Freiheit, Selbstbestimmung, Sozialverhalten und Verantwortung sind in den Grund- und Menschenrechten liberaler Staaten folgende oder ähnliche Formulierungen zu finden: “Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt”.
Bei vielen Menschen stellt sich hier die philosophische Frage über die persönlichen Konsequenzen aus den verfassungsrechtlich garantierten Grund- und Persönlichkeitsrechten. Darf und kann ich wirklich so frei leben – oder muss ich traditionellen gesellschaftlichen Moral- und Wertevorstellungen sowie familiären Erwartungshaltungen entprechen, um allen zu gefallen?
Wertschätzung und Mitgefühl
Ein essentielles Element der authentischen Kommunikation ist eine wertschätzende Haltung auf drei Ebenen:
- zur eigenen Person
- den Gesprächspartnern gegenüber
- nicht anwesenden betroffenen Dritten gegenüber
In Gesprächs- und Konfliktsituation wird bewusst auf die eigenen Bedürfnisse und Werte geachtet und gleichzeitig berücksichtigt, dass andere Menschen ebenfalls Bedürfnisse, Werthaltungen, Erwartungshaltungen, Befindlichkeiten, Ängste und Sorgen haben.
Auch wenn es in einem Gespräch um Dritte geht, sollte die Wertschätzung gewahrt bleiben. Es muss nicht immer alles gesagt und weitererzählt werden! Ich halte mich hier an die Drei Siebe des Sokrates, wo die Weitergabe von Informationen nach drei Kriterien überprüft wird: dem Sieb der Wahrheit, dem Sieb der Güte und dem Sieb der Nützlichkeit.
Selbstreflexion, Selbsteinschätzung und Selbstbewusstsein
Im Sinne des Handlungskonzepts der authentischen Kommunikation bedeutet Selbstbewusstsein, sich sowohl seiner Fähigkeiten, Potentiale, Begabungen und Stärken als auch der eigenen Kompetenzdefizite, Vulnerabilitäten und problematischen persönlichen Eigenheiten bewusst zu sein.
Selbstreflexionsfähigkeit und die damit einhergehende realistische Selbsteinschätzung ist elementar für echtes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Erst mit dieser Echtheit werden wir als selbstbewusst, authentisch, sympathisch und vertrauensvoll erlebt, auch wenn wir nicht so großartig und perfekt sind. Im Gegensatz dazu wird ein unreflektiertes, übermäßiges und aufgeblasenes Selbstbewusstsein meist als befremdlich, aufgesetzt, angeberisch, arrogant und präpotent wahrgenommen.
Es ist allerdings gar nicht so einfach, ein gutes Mittelmaß zwischen Bescheidenheit und Gesehenwerden zu leben. Einerseits sind Zurückhaltung und Bescheidenheit geschätzte Charaktereigenschaften, andererseits sollte man “sein Licht nicht unter den Scheffel stellen”, sondern auch zeigen, was man drauf hat.
Auftreten und Körpersprache
Zwischenmenschliche Kommunikation betrifft alle Bereiche des Menschen, wie Stimme, Wortbetonung, Emotionen, Mimik, Körpersprache, Körperhaltung – und sogar Kleidung und Raum beeinflussen die Gesprächsführung. Ein Text kann für sich alleine stehen, aber gesprochene Sprache braucht Persönlichkeit, Emotionalität und Körperlichkeit, um Kommunikation vollständig und voll verständlich zu machen.
Deshalb ist die bewusste Selbst- und Körperwahrnehmung eine wichtige Komponente bei der Weiterentwicklung der Kommunikationskompetenz, wobei eine authentische nonverbale Kommunikation vor allem aus der intakten Beziehung zum eigenen Körper, zu den eigenen Gefühlen, zur Welt und zu den anderen Menschen entsteht.
Hingegen kann die Arbeit an bestimmten Idealvorstellungen von Körpersprache sogar nachteilig sein, weil es sich dabei meist um eine optimierte Selbstdarstellung handelt, die häufig als Inszenierung wahrgenommen wird. Jeder kennt die Kommunikationsprofis mit ihrer “überzeugenden” Handhaltung und Gestikulation. Auch ich verliere mich manchmal ein bisschen in der inszenierten Selbstdarstellung, weil es sehr schwer ist, ganz davon wegzukommen. Zumindest ist es mir bewusst.
Humor und Selbstakzeptanz
Über sich selbst lachen zu können, peinliche Situationen humorvoll zu nehmen und nörgelnden, wichtigtuerischen, besserwisserischen und eitlen Menschen mit Humor zu begegnen, ist eine weitere erlernbare Eigenschaft, welche das eigene Leben und das soziale Miteinander vereinfacht und erleichtert.
Humorvoll sein bedeutet allerdings nicht, ein scherzender Komiker zu sein, sondern eine Freude am Komischen und Seltsamen zu entwickeln. Das gilt auch für das eigene Verhalten, das natürlicherweise immer wieder komisch, schräg und peinlich ausfallen kann.
Authentischer Umgang mit Angst, Aggression und Konflikten
In der authentischen Kommunikation werden Angst und Aggression als hilfreiche Gefühle gesehen. Die Angst- und Stressreaktion ist an sich eine wichtige Funktion, welche vor Gefahren und Schäden bewahrt. Die gesunde Angst führt zu einer besonderen Vorsicht und Achtsamkeit sowie zu einem nützlichen Stress- bzw. Spannungszustand, der die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit und Wachheit steigert. In der Folge können Herausforderungen effektiver und sicherer bewältigt werden. Gesunde, neurotische und krankhafte Ängste
Aggressionen dienen vor allem dem Schutz der eigenen Grenzen, der Wahrung der persönliche Integrität (physische und psychische Unversehrtheit) und dem Erhalt der Selbstbestimmung. Dabei ist allerdings darauf zu achten, dass eigene aggressive Impulse nicht destruktiv, verletzend, entwertend und kränkend ausgelebt werden, sondern Wertschätzung und Mitgefühl aufrecht bleibt.
Die Rücksichtnahme sollte jedoch nicht davon abhalten, “die Dinge beim Namen zu nennen”, um Missverständnisse, Informationsdefizite und relevante Sachverhalte zu klären. In manchen Situationen ist es sogar notwendig, die eigenen Aggressionen emotional, körperlich und verbal voll zum Ausdruck zu bringen. Das Unterdrücken von Aggressionen und Hinnehmen von unangenehmen Situationen und unerträglichen Zuständen würde krank machen. Generell ist in unserer modernen und ziemlich neurotischen Gesellschaft der Umgang mit Aggressionen etwas problematisch und ambivalent.
Ich reagiere meist entsprechend aggressiv, tue mir aber damit enorm schwer, weil ich in manchmal überreagiere und dann ganz außer mir bin und mir tagelang Vorwürfe mache. Eine angemessene Überreaktion ist in vielen Fällen jedoch erforderlich, um wirklich ewas zu bewirken bzw. Bewegung in eine Angelegenheit zu bringen, während die übliche aggressive Reaktion vom Gegenüber bewusst oder unbewusst erwartet wird und praktisch nichts bewirkt.
Emotionale Abgrenzung
In der sozialen Interaktion mit komplizierten, egozentrischen und leidenden Menschen ist es sehr hilfreich, sich gut abgrenzen zu können. Dabei ist zu berücksichtigen, dass immer etwas von der Kränkung und Entwertung oder von der psychischen Problematik und dem menschlichen Leid durchkommt, auch wenn wir uns noch so gut abgrenzen. Das war auch der entscheidende Grund für mich, trotz langjähriger Psychotherapieausbildung keine Psychotherapeutin zu werden, sondern lieber als Lehrende und Coach zu arbeiten.
Nach belastenden, aufregenden und bewegenden Gesprächen und Erlebnissen ist es sinnvoll und wichtig, das Erlebte und die damit verbundenen Gefühle in darauffolgenden Gesprächen mit uns nahestehenden Menschen, guten Kollegen, Supervisoren, etc. zu bearbeiten.
Authentische Deeskalation
Für die Deeskalation der üblichen alltäglichen Konflikte genügt meist die Kombination aus Authentizität, Selbstbestimmung, Wertschätzung, Mitgefühl, Selbstvertrauen, Humor und guter Selbstwahrnehmung.
Präventiv-deeskalierende Kommunikation
Authentische Kommunikation erweitert mit Deeskalationsstrategien und psychologischen Kenntnissen
Wenn du beruflich mit Menschen zu tun hast, deren soziale Funktionsfähigkeit dauerhaft durch eine Persönlichkeitsstörung oder vorübergehend durch einen psychischen Ausnahmezustand bzw. eine schwere Lebenskrise beeinträchtigt ist, dann kann dir eine Weiterbildung in deeskalierender Kommunikation die Arbeit beträchtlich erleichtern. In vielen Berufsfeldern ist die entsprechende sozial-kommunikative Kompetenzentwicklung in die Ausbildung integriert oder im Rahmen von Weiterbildungen obligatorisch.
Bei meinem Angebot im Bereich der deeskalierenden Kommunikation handelt es sich im Grunde um ein Kommunikationstraining in authentischer Kommunikation, das um folgende Themen erweitert ist:
- präventive Deeskalationsstrategien
- vertrauensbildende Maßnahmen
- Kenntnisse der Psychopathologie, Ich-Struktur, psychischen Abwehr und Konfliktdynamik
Psychologische Kenntnisse dienen dazu, psychisch kranke und emotional instabile Menschen sowie verhaltensauffällige und delinquente Personen besser verstehen und einschätzen zu können, um in der Folge leichter eine vertrauensvolle professionelle Beziehung aufzubauen und zielsicher präventiv-deeskalierend zu handeln.
Präventive Deeskalationsstrategien
Beispiele präventiver Deeskalationsstrategien und vertrauensbildender Maßnahmen:
- räumlich den passenden Abstand wahren und dem Betroffenen einen “gefühlten Fluchtweg” freihalten
- mit vertrauensvoller Körpersprache und Stimme auftreten
- sich den eigenen Ängsten und Aggressionen bewusst sein und konstruktiv damit umgehen
- dem Gegenüber das Gefühl geben, verstanden zu werden
- verständnisvolle, einfühlsame Fragen stellen
- keinesfalls autoritär belehren, sondern einfühlsam und kohärent erklären
- Missverständnisse rechtzeitig erkennen und klären
- eine allfällige Streitspirale gar nicht erst aufkommen lassen oder zumindest gleich nach dem Erkennen auflösen
- dem Gegenüber (und sich selbst) die Möglichkeit zum Beruhigen geben
- sich persönlich und emotional gut abgrenzen und nicht in die Problematik des Gegenübers hineinziehen lassen
In vielen Fällen gelingt damit die Aufnahme von Kontakt und Beziehung, wo es ohne Deeskalationstraining zu Missverständnissen, Frustration, Streit und Eskalation käme.
Kommunikationstraining oder Psychotherapie
Ein Kommunikationstraining kann in die Nähe einer psychotherapeutischen Selbsterfahrung oder psychologischen Behandlung geraten, wenn es um den Umgang mit den eigenen Bedürfnissen, Ängsten und Aggressionen geht.
Deshalb stellt sich insbesondere bei andauernden zwischenmenschlichen Problemen und Konflikten die Frage, warum das so ist und was zielführender ist: Die Weiterentwicklung der Sozial- und Deeskalationskompetenz im Kommunikationstraining oder die Arbeit an der Beziehungs- und Konfliktfähigkeit im Rahmen einer Psychotherapie.
Auch bei ungewöhnlichen und übersteigerten sozialen Ängsten oder einer stark ausgeprägten Selbstunsicherheit ist eine klinisch-psychologische Diagnostik oder psychotherapeutische Abklärung empfehlenswert.